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Vereins-Chronik |
Dem ersten Vorstand, damals Turnrat genannt, gehörten folgende
Personen an:
Vorsitzender (Präses):
Wilhelm Bormann
Schriftwart:
Andreas Eine
Turnwart:
C. Schilling
Zeugwart (Gerätewart):
Georg Fleischmann
Säckelwart (Kassenwart): Louis
Fleischmann
Was konnten für die damaligen Personen die Beweggründe gewesen
sein, einen Turn-
verein zu gründen?
Im 18. Jahrhundert und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Deutschland ein Mosaik von kleinen Fürstentümern und Hofstaaten. Ein aufgeteiltes Land mit vielen Zollschranken und daraus entstehender Eigenbrötelei. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam dann so etwas wie der deutsche Staatsgedanke auf. Friedrich Ludwig Jahn, später Turnvater Jahn genannt, hob das Turnen aus der Taufe. Nationale und liberale Ideen lebten auf. Turner, Sänger und Schützenbünde feierten ihre Feste und festigten so das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit.
Friedrich Ludwig Jahn brachte neue Turnübungen ein. Freiübungen,
Laufen, Werfen, Ringen etc. gab es ja schon lange, doch wofür sollten
Reck oder Springel (auch Schwingel-Pferd) und andere scheinbar zwecklose
Geräte gut sein? Im Turnen wurde vor allem ein Gefühl für
Deutschland geweckt. Es stand nicht nur Gesundheit und Geselligkeit
im Vordergrund, sondern in der Gemeinschaft auch eine politische Idee und
nicht zuletzt auch nach Jahn die Wehrhaftmachung. Durch Leibesübungen
wollte Jahn kräftige, wehrhafte, widerstandsfähige Männer
für die Kräftigung des Volkstums heranbilden. Die deutsche Einheit
war das Ziel. Dies entsprach aber nicht obrigkeitlichem Denken.
In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde das Turnen fast
überall verboten, weil die Fürsten und Regenten ihre Sicherheit
und Souveränität in Gefahr sahen. (Turnsperre in Preußen
1820-1842). Nur unter dem Begriff Gymnastik, der wertfreier verstanden
wurde, waren Leibesübungen in dieser Zeit geduldet. Erst um
1845 wurde das Turnen wieder ab und an gestattet. In diese Phase der Liberalisierung
und direkt nach Gründung der Deutschen Turnerschaft 1860 fiel die
Gründung des MTV Seesen 1862.
Als Zweck des Vereins wird in den Statuten von 1862 angegeben, es solle
die körperliche und geistige Ausbildung der Mitglieder gefördert
werden. Die Turnordnung entspricht diesem Ziel: Straffe Ordnung und Disziplin,
den Vorturnern gegenüber strenger Gehorsam. Daß unter
turnerischen Zielen damals nicht nur körperliche Ertüchtigung
verstanden wurde, belegt auch die Aufstellung einer Sängerriege. Sie
wurde schon 1862 gebildet und von Lehrer Sonnemann geleitet, der auch zeittweilig
Vorsitzender war. Die Sängerriege bestand bis zum Beginn des ersten
Weltkrieges.
Bei der Vereinsgründung wurde auch die Einrichtung einer Bibliothek
und eines Lesezirkels beschlossen. Aus diesem Vorhaben ist aber weiter
nichts überliefert worden und es ist daher fraglich, ob es überhaupt
zur Errichtung einer solchen kam. Wir fragten weiter oben nach den Beweggründen,
die unsere werten Gründer zur Gründung veranlaßten.
Zum Teil wurde diese Frage schon beantwortet. Aus heutiger Sicht
lassen sich jedoch Beweggründe der politischen Turnbewegung nicht
mehr nachweisen. Das Selbstverständnis der Turnbewegung als
ursprünglich politische Bewegung wurde wohl nicht übernommen,
blieb aber gewiß unterschwellig immer vorhanden.
Der erste Turnplatz des MTV Seesen wurde am 24. August 1862 vom
Magistrat der
Stadt Seesen zur Verfügung gestellt. Auf dem Schützenplatz
(Maschanger), der damals schon Festplatz war, wurde ein großes Holzgerüst
von Seesener Tischlern und Stellmachern errichtet, an dem die körperlichen
Ertüchtigungen der Männer vonstatten gingen. Bis zur Jahrhundertwende
wurde noch an solchen großen Holzgerüsten geklettert und geturnt.
Die Normung heutiger Turngeräte geschah erst viel später. Eigentlich muß man erstaunt sein, daß das Turnen nach der Turnsperre wieder so in Gang kam und um sich griff. Wie bereits erwähnt, hatten die Turner aber auch ein anderes Verständnis vom Turnen als wir es heute vielleicht haben. Damals fühlte man sich noch mehr als Mitglied im Verein wie einer Familie zugehörig. Man fühlte sich ideologisch, im nationalen Denken, miteinander verbunden, was auch die unterschiedliche Herkunft der Mitglieder belegt und mit der gesamten deutschen Turnerschaft eng zusammengehörig. So gründeten die Orte Lamspringe, Bodenburg, Gandersheim, Lutter und Lautenthal um Seesen herum auch in dieser Zeit ihre Turnvereine. Der Funke der Turnbegeisteung hatte gezündet.
2.) Zum Vereinsleben im 19. Jahrhundert
Die Mitgliederzahlen schwankten im 19. Jahrhundert immer um 100. Zu
unterscheiden waren Männerriege und Zöglingsriege (Jugendliche).
Man unterschied auch Turnfreunde (Passive) Aktive und Gastturner (Mitturner).
Klage wird in den uns überlieferten Protokollakten des öfteren
über Teilnahme und Disziplin der Turner geführt. Zumindest der
Anspruch bezüglich straffer Ordnung war sehr hoch. Wer dem Turnwart,
beziehungsweise den ihm unterstellten Vorturnern nicht gehorchte, konnte
ausgeschlossen werden. Wer beim Turnen nicht erscheinen konnte, hatte,
wohl folge schlechter Teilnehmerzahlen, einen sogenannten "Dispensationsschein"
ausgefüllt abzugeben. Und das im Voraus! Wer dreimal unentschuldigt
fehlte, konnte eventuell ausgeschlossen werden! Zuspätkommen kostete
5 Pfennig und Fehlen 10 Pfennig Strafe. Es herrschten strenge Bräuche.
Die vorgetragenen Klagen über die mangelhafte Teilnahme auf den
damaligen Sitzungen läßt aber daran zweifeln, ob diese strengen
Auflagen auch immer eingehalten wurden.
Geturnt wurde am Turngerät, später (ab1884) in der Turnhalle
der Jacobsonschule.
Zum inhaltlichen Programm gehörten:
-Klettern(Steigleiter, Tau)
-Schweberinge
-Schwingel(Pferd)
-Freiübungen und Freispringen
-Reck und Barren
-Turnspiele
Die Übungen an den Geräten und die Freiübungen wurden in Vor -und Hauptübungen unterteilt. Für unser heutiges Verständnis zumeist mit viel zu unsinnigen, isolierten und detaillierten Vorschriften für winzigste Teilbewegungen. So manches Übungsgut, das auch in unseren Protokollbüchern genau festgehalten ist, erinnert an einen Drill auf dem Exerzierplatz.
Damals wurde, im Gegensatz zu heute, der Vorstand (Turnrat) in sehr
kurzen Abständen gewählt (alle 3-6 Monate). In den Versammlungen
wurden Zöglinge und Turner immer wieder, manchmal recht deutlich,
zur Teilnahme an den Turnabenden in der Woche ermahnt. Der Hauptinhalt
der Sitzungen aber bestand darin, Tanzfeste zu organisieren. Nach
dem zu Beginn einer Sitzung neue Mitglieder "balletiert", d.h. gewählt,
geprüft und in den Verein aufgenomen waren, wurde streng darüber
beraten, welche Musik man für das kommende Fest nehme, wie hoch das
"Entree-Geld" anzusetzen sei und wieviel Tanzgeld man erheben wolle.
Am 25. November 1889 zum Beispiel wurde die Musik mit 36 Mark, 1
Butterbrod und 3 Glas Bier bezahlt. Aber natürlich wurden auch
Wetturnen und Gaufeste beraten.
Damals führte der MTV jahrzehntelang ein Anturnen im Frühjahr
und ein Abturnen im Herbst durch. Wettkämpfe, Vorträge
der Sängerriege und ein Tanz-Ball gehörten dann zum Programm
der Saisoneröffnung und des Saisonschlusses.
Noch etwas Kurioses am Rande: In der Versammlung vom 1. November 1899
wurde
folgendes einstimmig beschlossen: Da die Beteiligung auf Beerdigungen
verstorbener Mitglieder sehr schlecht war, sollten für zukünftige
Beerdigungen sogenannte Begräbniskarten ausgegeben werden. Zu einem
Begräbnis sollten auf diese Weise mindestens 20 Mitglieder verpflichtet
werden. War jemand trotzdem verhindert, so hatte er einen Ersatzmann
zu stellen. Tat er dies nicht, so war eine Strafe in Höhe von 50 Pfennig
fällig. Eine recht rigorose Art Pietät zu zeigen.
3.) Die Turnerfeuerwehr
Was hat Turnen mit Feuerwehr zu tun?
Zur Zeit wohl kaum etwas. Aber es hatte einmal. Sogar 38
Jahre lang im MTV war der Brandschutz eine Sache der Nachbarschaftshilfe.
Seesen war in seiner Geschichte schon häufig ein Opfer der Flammen.
Brandordnungen der Gemeinden und später auch der Landesherren regelten
die Pflichten, die jedem Bürger oblagen. Nicht immer und überall
war diese Pflichtfeuerwehr so wirksam, wie sie hätte sein sollen.
Allmählich tauchte der Gedanke auf, freiwillige und besser ausgebildete
Feuerwehren zu gründen. Die Turnvereine griffen an vielen Orten
den Gedanken eines freiwilligen Brandschutzes auf, Die Geschichte der freiwilligen
Feuerwehren in Deutschland begann bereits 1841 mit der Gründung der
Turner-Feuerwehr in Meißen.
Auch MTV'er zeigten ihre Einsatzbereitschaft für die Interessen der Öffentlichkeit, als sie am 2. Januar 1899 eine Turner-Feuerwehr gründeten. Der erste Commandeur war Cigarrenfabrikant Max Ludwig. Aus den Mitgliedern des Vereins wurde ein Corps gebildet, das als besonderer Zug der schon bestehenden freiwilligen Wehr unter völliger Unterordnung unter deren Statuten eingereiht wurde. Eine neue, von der Stadt angeschaffte Spritze wurde diesem Zug zugewiesen.
Die führenden Männer dieser Abteilung des MTV waren August Feuerhahn und Georg Luftmann. Die Antwort, was Turnen mit der Feuerwehr eingentlich zu tun hatte, ist schnell gegeben. Turnen war in jener Zeit eben nicht nur Freizeitvergnügen, sondern den Turnvereinen ging es um bürgerliches handeln. Heute würde man sagen, es ging ihnen um mitbürgerliches Engagement. Dazu gehörte auch der Schutz von Leben und Eigentum in der Gemeinde.
Hinzu kam, daß eine wirksame Brandbekämpfung damals körperlich
gut durchgebildete Leute verlangte. Die schwere Feuerspritze mußte
oft noch im Mannschaftszug über holprige Kopfsteinpflaster an die
Brandstätte geschafft werden und die Pumparbeiten an der Spritze erforderten
Kraft und Ausdauer. An mechanische Feuerleitern dachte man noch nicht und
die Geschicklichkeit der Turner war deshalb sehr gefragt.
Was ist geblieben vom mitbürgerlichen Engagement der Turner? Nun,
wenn heute Turnvereine sich um ältere Menschen kümmern, um Behinderte
und andere sogenannte Randgruppen, dann liegt das genau auf der Linie
des mitbürgerlichen Engagements, das die Turner ehedem in den Turner-Feuerwehren
zeigten. Schlagzeilen in den Medien sind dabei häufig leider nicht
zu machen.
In der Zeit des Nationalismus wurden die Turnerfeuerwehren "gleichgeschaltet" und durch Reichsgesetz aufgelöst. Zumeist wurden sie in die sogenannte Feuerschutzpolizei eingegliedert. Die MTV-Turnerfeuerwehr wurde nach 38 Jahren oft erfolgreicher Löscharbeit am 20. August 1937 zwangsweise aufgelöst. Der letzte Kommandeur hieß Georg Luftmann.
4. Jahrhundertwende und 1. Weltkrieg
Seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde bis 1927 bei
schlechten Wit-
terungsverhältnissen im Schützenzelt auf dem Maschanger (Schützenplatz)
geturnt.
War von 1862 bis 1911 der MTV ein wirklicher"Männer"-Turn-Verein,
wenn man sich das Aktiventurnen ansah, so änderte sich dies 1911.
Die erste Damenriege wurde gegründet! Der Vereinsname jedoch blieb
bis heute bestehen.
Zum 50jährigen Bestehen 1912 kamen neben den örtlichen Vereinen auch 29 (!) Turnvereine aus dem Harzgau, dem Harz-Gebirgs-Gau und dem Leine-Gau reich geschmückt nach Seesen. Die Helfer um den damaligen Vorsitzenden Alban Rabe hatten viel zu tun und auch ihre Sorgen. Der Maschanger war eingezäunt worden und es wurden 30 Pfennig Entree erhoben. Wie damals üblich, fand ein volkstümliches Wetturnen mit einem 5-Kampf statt.
Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Rußland und am 3.
August Frankreich den
Krieg. Der erste Weltkrieg begann und griff tief in das Volksleben
ein. Der Turnbetrieb konnte nur schwer aufrechterhalten werden. Ab
1917 mußte in der Jacobsonschul-Turnhalle geturnt werden. Das
Schützenzelt wurde in den Kriegsjahren vom Militär benutzt. Besonders
viele Einberufungen sind 1917 erfolgt. Das belegen unsere Protokollbücher.
Die zum Militär einberufenen, und es waren viele Mitglieder des Vereins, wurden, vom Beitrag befreit, in den Listen weiter geführt. 15 Vereinsmitglieder starben im Krieg. Mit großer Energie setzten sich die Heimkehrer für den Wiederaufbau ein.
Am 7. September 1919 führte der MTV das Harzgau-Bergturnfest in
Seesen durch.
1919 wurde eine Fußballriege gegründet, die den Namen"Fußball-Klub
des MTV" führte. Spielwart war "Turnbruder" Jacob Schmidt. Daraus
ging dann der "Spiel- und SportVerein Seesen" hervor. 1920 kam es zur Gründung
eines städtischen Sportamtes der Stadt Seesen zur Förderung der
Leibesübungen.
1928 waren hierin folgende Vereine vertreten:
Die 20er Jahre waren von großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten
geprägt. In den Jahren der Inflationszeit (1923) war das Geld oft
gerade den Papierwert wert, auf dem es
gedruckt war. Die Abrechnung im Januar 1924 für das abgelaufene
Jahr 1923 sah
im MTV so aus:
Einnahmen
158116.215.270.789,30 M (158 Billionen),
Ausgaben
55.654.533.078,40 M.
1923 war der Beitrag für Erwachsene im 1. Quartal noch auf 150
RM angesetzt. Er
mußte dann aufgrund des Geldverfalles im 3. Quartal auf 10.000
RM erhöht werden. Im Oktober betrug er dann 10 Millionen, Anfang
November "nur" 5 Millionen und Ende November dann die Spitze: 50 Millionen
RM. Die Preise stiegen schließlich an einem Tage mehrfach an. Immer
mehr wuchs die Not. Die Mark sank auf ein Billionstel ihres Geldwertes.
In Deutschland befanden sich 320 Trillionen Mark im Umlauf. Man kann
sich die Schwierigkeiten, diese Summen an Beiträgen festzusetzen und
dann auch noch eintreiben zu müssen, kaum vorstellen. Da müssen
schon Kofferträger unterwegs gewesen sein. Nach der Währungsreform
Ende Dezember 1923 betrug dann der Monatsbeitra 1,50 M, Zöglinge
75 Pf.
In den folgenden Jahren wurden verschiedene Abteilungen gegründet:
1924 Altersriege
1926 Turnerinnen-Abteilung
1927 Frauen-Gymnastik-Abteilung
1928 Neuere Turnspiele
1929 Handball
1930 Skiabteilung
1932 Schwimmen
Der MTV nahm immer mehr einen besonderen Platz im sportlichen und gesellschaft-
lichen Leben der Stadt Seesen ein. Die Stadtverwaltung förderte
die Leibesübungenm nach Kräften. 1926 wurden an der Schildau
die städtischen Sportplätze angelegt. 1927 wurde die städtische
Doppelturnhalle (Jahnturnhalle) errichtet. Der "Knabenturnverein Seesen"
wurde von Schülern der Jacobsonschule (Oberrealschule-Gymnasium) 1871
ins Leben gerufen. Seit 1925 schloß er sich dem MTV an.
Um 1927 nahm auch der Reichsbahn-Turn- und Sportverein Seesen an den Übungsabenden
des MTV teil.
5. Vorkriegszeit und II. Weltkrieg
Doch waren dies schwere Jahre, 1929 Weltwirtschaftskrise. 1930 zählte man im Reich wieder 3 Millionen Arbeitslose. Die Mitgliederzahlen im MTV sanken, die Not war groß. Arbeitslose wurden schließlich beitragsfrei gestellt. Anfang 1932: Fast 7 Millionen Arbeitslose.
Geräte konnten in dieser Zeit keine angeschafft werden. Das Vereinsleben siechte dahin, eine schwere Zeit. Doch es kam noch viel schlimmer. Am 30, Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Nun wehte für den MTV von politischer Seite ein anderer Wind. Das Eigenleben der Vereine paßte den Machthabern nicht mehr.
Ein Zusammenschluß mit ideologischem Hintergrund sollte auch hier,
wie in allen anderen Lebensbereichen, stattfinden. Der neu gegründete
"Reichsbund für Leibesübungen" trat an die Stelle des Deutschen
Reichsausschusses für Leibesübungen. Seine zentrale Aufgabe unter
Führung des Reichssportführers H. von Tschammer und Osten war
auch der Bereich des Sports im Sinne der NS-Weltanschauung auszurichten.
Folge: Von den Seesener Vereinen wurde der Zusammenschluß gefordert,
Zur Chronologie:
Zum 23. August 1936 lädt der Kreisführer des DRL (Deutscher
Reichsbund für LÜ)
Heinz Otte die Vereinsführer, so hießen die Vorsitzenden
nun, in Eberhagens Saalbau zu Vorverhandlungen über den Zusammenschluß
der Vereine ein.
Punkt 1.: Auflösung der Vereine
Punkt 2.: Neugründung der Sportvereinigung "Sehusa", Seesen
Im Laufe dieser Sitzung legte Kreisführer Otte dar, daß es von oben gewünscht sei, daß sich die Seesener Vereine zusammenschließen. "Wollen sie dies nicht, so sollen schon Wege und Mittel gefunden werden". Schlimmstenfalls würde man das weitere Bestehen der Vereine in Frage stellen. Polizist Walter lbenthal, zugleich Vereinsführer des Spiel- und Sportvereins, steht Otte bei und droht den sich weigernden Vereinen mit Auflösung. Dreschmaschinenbesitzer und Vereinsführer des MTV Seesen, August Feuerhahn, wehrt sich gegen den Zusammenschluß.
In einem intensiven Briefverkehr mit dem Reichs-Fachamtsleiter Steding in Berlin werden vielfältige Gründe gegen den Zusammenschluß angeführt. Steding bestätigt dann auch dem MTV, daß der Reichssportführer von Tschammer und Osten einen zwangsweisen Zusammenschluß dort nicht wünsche, wo Vereine so groß sind, daß sie allein lebensfähig sind.
Am 29. August werden nun trotzdem die "Führerräte" und Mitglieder der Seesener Vereine zu einer Generalversammlung eingeladen, um über den Zusammenschluß und die Neugründung der Sportvereinigung Sehusa abzustimmen. Der MTV erscheint aber nicht. August Feuerhahn beruft dagegen zum 1. September'36 eine außerordentliche Versammlung des MTV ein, auf der einstimmig beschlossen wird, daß der Verein nicht aufzulösen ist.
In der Folge kommt es noch weiterhin zu heftigen Briefwechseln mit dem
DRL, doch
klappt der Zusammenschluß, ein Glück für den MTV, zu
einem einzigen Großverein in Seesen nicht. In anderen Städten
kam es zu solchen Zusammenschlüssen. Die deutsche Turnerschaft löste
sich 1936 auf und ging in den DRL ein.
Die Briefwechsel dieser Zeit enden nicht mehr mit dem Sportgruß
des MTV "Gut Heil!" , der etymologisch in der Bedeutung von Glück,
Gesundheit, Heilung, Rettung, Beistand eigentlich, außer durch Turnvater
Jahn, nicht stark vorbelastet scheint. Nun stand unter den Briefen und
Protokollen "Heil Hitler" als gängige Grußformel. Diese änderte
sich dann in den Kriegsjahren, auch im MTV Seesen, in "Sieg Heil". Sitzungen
wurden nun auch mit dieser "Grußformel" und "Führerehrung" abgeschlossen.
Der zweite Weltkrieg brach im September 1939 aus. 30 Mitglieder wurden sofort zur Wehrmacht eingezogen. Der Übungsbetrieb wurde unter großen Schwierigkeiten weiter aufrecht erhalten. Sogar während des Luftkrieges wurde weitergeturnt, allerdings wegen der angeordneten Verdunkelung dann am Sonntagvormittag (10-12 Uhr), einmal in der Woche. 1942 wurden noch Turnen, Gymnastik, Handball, Sommerspiele, Leichtathletik, Schwimmen, Wandern und Schneeschuhlaufen (Ski) betrieben.
Die Jungen des Vereins mußten zu den Pimpfen, die Mädchen
zum Bund deutscher Mädel (BdM). Eine Wehrsportgruppe wurde gegründet.
Die Frauenabteilung schickte wiederholt Päckchen an die Soldaten an
der Front. Der Turnbetrieb wurde bis zum Winter 1944/45 aufrechterhalten.
Mehr als 100 Mitglieder waren zum Kriegsdienst eingezogen. 23 Mitglieder
des MTV starben im Krieg.
Das Jahr 1945 brachte endlich das Ende des wahnwitzigen Krieges und
der ungeheuerlichen Greuel des Naziregimes.
6.) Von der Neugründung des MTV bis heute
Deutschland hatte den Krieg verloren und bestand nur noch in vier Zonen aufgeteilt. Alle Turn- und Sportvereine wurden von der Besatzungsmacht aufgelöst. Man vermutete wohl in jedem Zusammenschluß von Deutschen eine Tarnorganisation der Nazis. Die Auflösung nach 83 Jahren MTV war ein harter Schlag. Konnte man sich vor dem Zusammenschluß 1936 und 1939 mit viel Glück erfolgreich wehren, so war hier nichts zu machen. Der MTV wurde auch aufgelöst. Am 8. November 1945 ließ dann die britische Militärregierung mit Sitz in Braunschweig wieder die Bildung von Sportvereinen zu. Die Mitglieder mußten besondere Fragebogen ausfallen, die alten Vereinsnamen durften nicht wieder verwendet werden. Vertreter der aufgelösten Sportvereine von 1933 und 1945 in Seesen führten dann Besprechungen im Ratskeller durch, deren Inhalt die Neugründung eines Großsportvereins war. An diesen Besprechungen nahmen die MTV'er Jacob Schmidt und Rudolf Hauenschild teil. Am 2. Februar 1946 wurde dann dieser Großsportverein als "Verein für Volkssport" (VfV) gegründet. Die Briten lockerten dann weiterhin ihre Bestimmungen, so daß in größeren Orten wieder mehrere Vereine bestehen durften.
Natürlich strebten die alten MTV'er wieder ein eigenes Vereinsleben
an. Jacob Schmidt und Wilhelm Rademacher erreichten in Hachenhausen
dann tatsächlich die zunächst mündliche Genehmigung zur
Wieder-gründung des MTV. Auf der außerordentlichen Generalversammlung
am 17. Februar
1946 kam es dann, nachdem der britische Kreiskommandant in der Versammlung
den
MTV bestätigte, zur Wiedergründung. 130 Turner und Turnerinnen
waren auf dieser Wiedergründungsversammlung anwesend.
Jetzt wieder mit einem "Gut Heil", ging der Wiederaufbau des Vereinslebens voran. Mit großen Werbeplakaten in Seesens Straßen wurde für die Sportarten Geräteturnen, Sommerspiele, Gymnastik, Leichtathletik, Handball, Schwimmen und Wintersport im MTV geworben. Ende 1946 kam auch die Tischtennisabteilung hinzu.
1948 hatte der MTV 802 Mitglieder. Eine vorher noch nie erreichte Zahl. Dies war durch die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen ostdeutschen Gebieten, durch die sich die Stadt Seesen fast verdoppelte, möglich geworden. Der MTV war zu einem Breitensportverein geworden.
Der Wiederbeginn nach dem Krieg war eine schwere Aufgabe. Turnhallen
und Sportplätze waren ausgeplündert oder beschlagnahmt. Nötigste
Sportgeräte und Sportkleidung fehlte. Das Vereinsvermögen
(2758,79 RM) war von der Militärregierung beschlagnahmt worden. Der
Schützenplatz wurde vom MTV zum Handballplatz umgebaut. Viele Zuschauer
kamen. Im Juli 1946 hatten Schriftwart Rudolf Hauenschild und Oberturnwart
Richard Höring das 1. Schildbergsportfest ausgerichtet. Dieses Bergsportfest,
dem dann später noch weitere folgten, förderte das Ansehen des
MTV mit 500 Teilnehmern immens.
Das gesellschaftliche Leben im Verein blühte wieder auf. Die Kinderadventsfeier,
das althergebrachte Wintervergnügen und das Kappenfest (heute Kostümfest)
halfen dabei sehr. Diese Veranstaltungen sind ja auch nicht umsonst bis
heute wichtige Fixpunkte des Zusammenhalts im Vereinsjahr geblieben.
Wichtige Höhepunkte in den folgenden Jahren waren die Großstaffelläufe
Ganders-
heim-Seesen, die der MTV Seesen abwechselnd mit dem TSV Münchehof
je dreimal
(bis 1953 durchgeführt) gewinnen konnte und das Seesener Hallensportfest,
das sich seit 1948 in der Doppelturnhalle durchgeführt, großer
Beliebtheit im norddeutschen Raum erfreute. Die stetige Aufwärtsentwicklung
hielt weiter an. In den 60er Jahren wurde die 1000-Mitglieder-Schallgrenze
spielend übertroffen. Gute Vereinsarbeit und stetige Angebotserweiterung
halfen dabei.
1950 kam das Fechten hinzu (1966 wieder aufgelöst), 1951 Bob- und
Schlittensport mit dem späteren Weltmeister im Rennrodel für
Einsitzer, Dr. H. Berndt, der schon 1936 bei den olympischen Spielen in
Berlin im 400-m-Lauf teilgenommen hatte. 1955 wurde der Spielmannszug gegründet.
1962 kam das Trampolinturnen, wenn auch zunächst sehr bescheiden hinzu
und 1963 die Versehrtensportabteilung.
Am 15. Oktober 1962 wurde im MTV erstmalig eine hauptamtliche Turn -und Sportlehrerin zur Entlastung der vielen ehrenamtlichen Übungsleiter und Übungsleiterinnen angestellt. Die Hallenfrage wurde durch den Umbau der städtischen Turnhallen 1964 immer schwieriger. Nur die Halle des Gymnasiums stand noch zur Verfügung. Entlastung kam erst nach der Fertigstellung der neuen Turnhalle am Sonnenberg (Sporthalle 1 im Schulzentrum). 1966 heiratete die Turniehrerin R. Brinkmann und zog nach Österreich. Der MTV, Ende 1969 auf 1223 Mitglieder angewachsen, bewältigte sein gesamtes Übungsprogramm nun wieder auf ehrenamtlicher Basis.
Die Entwicklung in den 70erJahren läßt sich kurz so beschreiben. Anstieg der Mitglieder von 1970-1979 von 1244 auf 1678. Die weiter verfolgte Angebotserweiterung durch
1973 Seniorenklöngruppe
1975 Badminton
1975 Ballett und
1977 Lauftreff
gibt weiteren Auftrieb. Am 1. Januar 1973 wird dann R. Michalke als
hauptamtlicher Turn- und Sportlehrer angestellt. Das Leistungsturnen und
später auch das Trampolinturnen bekam durch seine Arbeit wieder neue
und systematische Impulse. Zudem unterstützte er in dieser Zeit die
Leichtathleten und Schwimmer und führte mit den Handballern ein Konditionstraining
durch. Die Ära des Vereins von 1968-1984 bestimmte dann als 1. Vorsitzender
maßgeblich ein Mann: Rudolf Hauenschild. Bereits seit 1. April 1928
Mitglied des Vereins und seit 1985 Inhaber des Verdienstkreuzes am Bande
des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für seine Verdienste
um den Sport. Wilhelm Rademacher legte 1985 auch sein Amt nieder. Er war
40 Jahre lang als Kassierer im Amt gewesen.
Ab 1977 bekam der MTV dann endlich eine Geschäftsstelle im Bürgerhaus
und somit eine informationelle und organisatorische Anlaufstelle, die bei
einem Großverein unverzichtbar ist. Bis zu dieser Zeit wurden
die Beiträge noch durch Vereinsbotinnen direkt bei den Mitgliedern
einkassiert. Seit Ende 1977 wurde der Beitragseinzug und die Führung
der Mitgliederdatei dann der KDS (komplette Datenverarbeitung für
Sportvereine) mit Sitz in München übertragen. Die Umstellung
auf KDS kostete viel Arbeit, wurde dann aber doch unentbehrlich.
Neuer 1. Vorsitzender wurde 1984 Horst Scheerer. Als gleichberechtigte
stellvertretende Vorsitzende wurden Ingrid Rangius und Albert Gründler
gewählt. Seit 1985 wurden der systematische Aufbau und die Erweiterung
des Angebots beharrlich weitergeführt, um die Attraktivität für
die Mitglieder weiter zu erhöhen und dem Anliegen eines modernen Großvereins
gerecht zu bleiben. 1985 wurde die ambulante Herzgruppe und der MTV-Damentreff,
eine überfachliche, gesellige Runde gegründet. Mit der Einstellung
einer zweiten Sportlehrkraft am 1. September 1985, Hardy Fender (Gymnasiallehrer
für Sport und Deutsch), konnten die Abteilungen Orientierungslauf,
Basketball und Volleyball neu gegründet werden, und Skigymnastik als
Vorbereitung für den Wintersport kam neu hinzu.
Aufgrund der Initiative des 1. Vorsitzenden Horst Scheerers hin, wurde eine alte Tradition des Turngaus Gandersheim wieder aufgegriffen und das Angebot der Breitenarbeit im Verein um eine attraktive Veranstaltung erweitert. Am 20. September 1986 fand in Seesen auf der Harzkampfbahn das "Treffen der Älteren" (ab 30 Jahre) statt. 14 Vereine mit 175 Aktiven waren dabei, als man zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal um den Pokal, den "Alten Knochen" kämpfte.
Noch ein Wort zur Entwicklung des MTV Seesen. Die Steigerung der Mitgliederzahlen bis auf 2307 Ende 1986 bestätigt die kontinuierliche und gezielte Arbeit im Verein. Die umfangreiche Vorstandsarbeit in einem Großverein, wie der MTV es ist, kann nur durch gezielte Aufgabenverteilung unter den Vorstandsmitgliedern bewältigt werden. Der Übungsleiterbedarf ist in einem so vielseitigen Verein, trotz der beiden hauptamtlichen Sportlehrkräfte, sehr groß. Durch viel Engagement aller Mitglieder ist es bisher gelungen die Attraktivität des Angebots immer weiter zu erhöhen. Der "MTV" ist schon lange kein "Nur"-Turnverein mehr.
Im Wandel der Zeit kamen neue Sportarten dazu, die Aktivitäten
sind entschieden breiter gefächert. Diese Zielorientierung hat bisher
dazu verholfen, daß trotz der verringerten Einwohnerzahlen, von 1975
mit 14 011 Einwohnern bis 1985 mit 12 002 Einwohnern in der Kernstadt Seesen,
ein stetiger Mitgliederzuwachs bis 1987 zu verzeichnen war. Das dies
bei den äußerst geringen Geburtenzahlen nicht so weitergehen
konnte war abzusehen. Die Zahlen sanken in den weiteren Jahren , doch konnte
die 2000er Grenze, bei der man nun steht weiter gehalten werden.
Statistik siehe: Mitgliederbewegung
Die gute Gemeinschaft in und zwischen den Abteilungen hat den Verein
stark
gefestigt, er steht auch finanziell immer noch auf auf gesunden Beinen.
Die Beiträge der Mitglieder sind im Vergleich mit anderen Großvereinen
niedrig. Unsere schon weiter oben erwähnten Traditionsfeste überfachlicher
Art und auch innerhalb der Abteilungen helfen uns dabei, auch bei hoher
Mitgliederzahl, eine wirkliche Gemeinschaft zu sein.
Ein sehr positiver Einschnitt im Vereinsleben konnte dann ab dem 1.August
1992 durch die Inbetriebnahme des MTV-Vereinsgebäudes, das von der
Stadt Seesen erstellt wurde und von engagierten MTVern im gesamten Innenausbau
fertiggestellt wurde, erreicht werden. Der damalige Vereinsvorsitzende
Manfred Ehrhorn und seine Stellvertreter Albert Gründler und Ingrid
Rangius waren im besonderen verantwortlich dafür, daß der Verein
ein solch schönes Gebäude bekam. Nun wird der "MTV-Treff"
intensiv
für Feiern, auch für private Feiern von Vereinsmitgliedern, für
Sitzungen, Versammlungen und durch verschiedene Vereinsgruppen genutzt.
Ein weiterer Einschnitt, diesmal nicht positiv, entstand durch die berufliche
Umorientierung und Wegzug des Turnlehrers Reinhard L. Michalke 1997 nach
Hamburg. Doch die Turnabteilung versucht erfolgreich, unterstützt
durch die neueingestellte Praktikantin Bianca Fröhlich, dieses
sehr kurzfristig entstandene Vakuum zu füllen.
Da die Stadt Seesen die Räumlichkeiten der bisherigen Geschäftsstelle
im Bürgerhaus dringend benötigte, kam es 1998 zum Umzug in die
"Alte
Schreibschule" Am Schulplatz 2. Die hier dankenswert von der Stadt
zur Verfügung gestellten Räume sind ähnlich groß,
und auch sie wurden wiederum von sehr fleißigen eherenamtlichen MTVern
von Grund auf renoviert und eingerichtet!
Neue Kursangebote wie "Vater-Mutter-Kind-Schwimmen", Babyschwimmen,
Kung-Fu, Rückenschulen, Ballett für Erwachsene, Orientierungslauf,
vielseitige Sportgruppen für Kinder der ersten Grundschulklassen u.a.
ergänzen und erweitern das Angebot des MTV Seesen in der letzten Zeit.
Als weiteres attraktives Angebot ist der Erwerb der Bahnengolfanlage in
der Nähe des Heimatmuseums anzusehen. Die Abteilungsmitglieder haben
fleißig die gesamte Anlage von Grund auf erneuert. Sie steht
nun der Seesener Bevölkerung zur Verfügung.
Seiner gesamtgesellschaftlichen Aufgabe bleibt der MTV Seesen v. 1862 e. V. weiter treu unter dem Motto des Paragraphen 1 der Statuten von 1862:
7.) Die Vereinsfahne
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